Türen sind eines der wichtigsten Architekturelemente. Sie trennen innen von außen, Sicherheit von Bedrohung, das Heilige vom Profanen. Und manchmal sind sie einfach spektakulär. Ob wegen ihrer Größe, ihrer Geschichte, dem Gewicht oder wegen ihrer Absurdität. Diese elf Türen haben es in sich.
► Die kleinsten Türen – Fairy Doors, Ann Arbor (USA)
In der Universitätsstadt Ann Arbor im US-Bundesstaat Michigan tauchen seit den frühen 2000er-Jahren winzige Türen auf. Sie finden sich eingelassen in Häuserwände, Baumstämme oder Fundamente. Die Fairy Doors wurden ursprünglich vom Künstler Jonathan Wright erdacht. Seine Inspiration war die Idee, dass auch Feen irgendwo wohnen müssen. Was als verspieltes Kunstprojekt begann, hat sich zu einer Touristenattraktion entwickelt. Heute gibt es eine offizielle Stadtkarte, regelmäßig werden neue Türen gebaut und sie zieren die Postkarten der Stadt. Die kleinsten Türen messen kaum fünf Zentimeter, gerade groß genug für die Fantasie, aber klein genug, damit Erwachsene sich hinknien müssen, um sie zu bewundern.
► Die größte Tür – Vehicle Assembly Building, NASA, Florida (USA)
Vier Tore am Kennedy Space Center in Florida halten gemeinsam den Weltrekord für die größten Türen der Erde. Jede der Öffnungen am Vehicle Assembly Building ist 139 Meter hoch, etwa so hoch wie ein 45-stöckiges Hochhaus. Das Gebäude wurde in den 1960er-Jahren errichtet, um die Saturn-V-Raketen des Apollo-Programms darin zu montieren. Um die Tür zu öffnen braucht man etwas Geduld, denn es dauert ganze 45 Minuten. Ein kurioser Nebeneffekt der Größe ist das Mikroklima im Inneren. Bei bestimmten Bedingungen bilden sich Wolken unter der Decke.
► Die älteste Tür – Jungsteinzeit-Holztür, Zürich (Schweiz)
Bei Ausgrabungen in der Zürcher Altstadt wurde 2010 eine Holztür aus der Jungsteinzeit entdeckt, die auf ein Alter von rund 5.000 Jahren datiert wird. Damit entstand sie lange vor dem Beginn der antiken Hochkulturen. Die einflügelige Tür aus Pappelholz stammt aus einer neolithischen Pfahlbausiedlung und wird als eine der ältesten Türen der Welt gehandelt. Sie ist im Schweizerischen Nationalmuseum in Zürich ausgestellt und ein stilles Zeugnis dafür, dass das menschliche Bedürfnis nach einem gesicherten Eingang so alt ist wie das Bauen selbst.
► Die berühmteste politische Haustür – 10 Downing Street, London (Großbritannien)
Keine Haustür der Welt wird häufiger fotografiert und ist politisch stärker aufgeladen als die schwarze Tür der Nummer 10 Downing Street, die seit dem 18. Jahrhundert der Amtssitz des britischen Premierministers ist. Die Tür öffnet sich ausschließlich von innen, von außen gibt es keinen Griff, kein Klingelbrett, keinen Briefschlitz. Wenn die Tür sich öffnet, ist immer einer Horde von Journalisten vor Ort, denn hier gehen die Regierungschefs ein und aus, wenn sie ihr Amt antreten oder verlassen. Auch wenn man es ihr von außen nicht ansieht, ist 10 Downing Street eine der bedeutendsten und besten gesicherten Türen Europas.
► Die meistfotografierte Haustür – Chefchaouen (Marokko)
Die blaue Berberstadt Chefchaouen im Rif-Gebirge Marokkos ist eines der fotogensten Ziele des afrikanischen Kontinents und das hat sie in erheblichem Maß ihren Türen zu verdanken. Ihre Altstadt ist in einem charakteristischen Blau gestrichen, das von Hauswand zu Hauswand, von Treppe zu Treppe variiert und vor dem sich Türen in allen Blautönen abheben: Kobalt, Indigo, Türkis, Himmelblau. Der Ursprung der Blauverfärbung ist nicht vollständig geklärt; eine mögliche Erklärung verbindet sie mit jüdischen Einwanderern aus Spanien im 15. Jahrhundert. Andere glauben, es sei eine Strategie, um Mücken fernzuhalten. Den Touristen, die täglich durch die Straßen ziehen und Fotos schießen, ist die Geschichte weniger wichtig als der optische Reiz. In den sozialen Netzwerken ist Chefchaouen mit seinen Türen längst zu einem eigenen Genre geworden.
► Die berühmteste religiöse Tür – Heilige Pforte, Petersdom (Vatikanstadt)
Die Porta Sancta am Petersdom in Rom ist fast immer geschlossen. Sie wird sogar mit Mörtel und Ziegeln versiegelt und nur in besonderen Heiligen Jahren geöffnet. Das Öffnen selbst ist ein feierlicher Akt. Der Papst schlägt dabei rituell gegen die Mauer, erst danach wird das Mauerwerk abgetragen. Wer die Pforte in einem Heiligen Jahr durchschreitet, dem wird nach katholischer Tradition ein vollständiger Ablass gewährt. Die vier Bronzereliefs, die die heutige Heilige Pforte zieren, wurden im 20. Jahrhundert angefertigt und zeigen Szenen der Erlösung.
► Die schwerste Tür – Federal Reserve Bank, New York (USA)
Genau genommen ist es keine Tür im klassischen Sinne, sondern ein rotierender Stahlzylinder, aber in puncto Gewicht und Sicherheitswirkung übertrifft sie alles, was je als Verschluss für einen Durchgang gebaut wurde. Der Zugang zum Goldtresor der Federal Reserve Bank of New York liegt 24 Meter unterhalb der Straße und gute 15 Meter unter dem Meeresspiegel. Der 2,75 Meter hohe Stahlzylinder wiegt sagenhafte 90 Tonnen. Alleine der Türrahmen, in dem er sitzt, bringt weitere 140 Tonnen auf die Waage. Aktuell lagern geschätzte 507.000 Goldbarren im Wert von mehreren Hundert Milliarden Dollar hinter der Tür. Der Boden des Tresors selbst ruht auf dem Urgestein Manhattans, einem der wenigen Fundamente weltweit, das dieses Gewicht trägt.
► Die größten Tempeltüren aus Holz – Venkateswara-Tempel, Tirumala (Indien)
Der Tempel des Herrn Venkateswara auf dem Tirumala-Hügel im südindischen Bundesstaat Andhra Pradesh ist der meistbesuchte Wallfahrtsort der Welt. Täglich strömen Zehntausende Gläubige durch seine Tore. Die massiven Holztüren des Haupteingangs, mit schweren Goldplatten beschlagen und von hohen Gopuram-Türmen überspannt, zählen zu den beeindruckendsten Tempeltüren Asiens. Die Tore sind Jahrhunderte alt, mit mythologischen Szenen verziert und von Wächterstatuen flankiert. Ob sie den offiziellen Weltrekord als größte Holztüren halten, ist nicht belegbar. Was jedoch feststeht, ist die Tatsache, dass mehr Menschen täglich über ihre Schwelle treten als über jede andere Tür an einem religiösen Gebäude auf dieser Welt.
► Die dickste Tür – Cheyenne Mountain Complex, Colorado (USA)
Tief unter dem Cheyenne Mountain in Colorado befindet sich eine der am besten gesicherten Militäranlagen der Welt, das NORAD-Kommandozentrum der nordamerikanischen Luftraumüberwachung. Wer hinein möchte, muss zunächst einen langen Tunnel passieren, der mit einer 90-Grad-Kurve endet. Der Zugang ist deshalb auf diese Weise konstruiert, damit die Druckwelle einer Explosion abgelenkt würde, bevor sie auf die Türen trifft. Die Flügel der Tür selbst bestehen aus massivem Stahl, sind rund 90 Zentimeter dick und wiegen je 25 Tonnen. Hydraulisch lassen sie sich in unter 45 Sekunden schließen. Falls die Hydraulik versagt, kann die Tür von zwei Personen per Hand geschlossen werden. Die Türen wurden am 11. September 2001 zum ersten Mal seit dem Ende des Kalten Krieges verriegelt.
► Die wertvollste Kunsttür – Porta del Paradiso, Florenz (Italien)
Lorenzo Ghiberti arbeitete 27 Jahre an ihnen und das Ergebnis gilt bis heute als eines der bedeutendsten Werke der Renaissance-Skulptur: die Ostportale des Baptisteriums San Giovanni in Florenz, von Michelangelo einst schlicht Porta del Paradiso, Pforten des Paradieses, getauft. Zehn vergoldete Bronzereliefs schildern Szenen aus dem Alten Testament mit einer räumlichen Tiefe und anatomischen Präzision, die für das frühe 15. Jahrhundert revolutionär war. Die Originale befinden sich heute, nach einer sorgfältigen Restaurierung, im Museo dell’Opera del Duomo. Bei den Türen am Baptisterium handelt es sich um hochwertige Reproduktionen. Der Versicherungswert der Originale wird auf mehrere hundert Millionen Euro geschätzt, was sie zu den teuersten Türen der Kunstgeschichte macht.
► Das Gebäude mit den meisten Türen – Schloss Versailles (Frankreich)
Das Schloss von Versailles ist in jeder Hinsicht ein Superlativ und in puncto Türen bildet es keine Ausnahme. Über 2.000 Türen zählt der Palast, viele davon mit vergoldetem Schnitzwerk, Spiegelintarsien oder aufwendiger farblicher Verzierung. Die Türen des Schlosses spiegeln, im wörtlichen und übertragenen Sinne, den Anspruch Ludwigs XIV. wider. Versailles sollte ein Monument der absoluten Königsmacht sein, in dem selbst jede Tür eine Aussage war. Hier ging es um Pracht, Hierarchie und Kontrolle. Die Türen und Beschläge des Schlosses sind heute ein eigenes Forschungsfeld der Kunstgeschichte.
Rekordverdächige Türen
Was diese elf Beispiele verbindet, ist mehr als der Rekordcharakter. Jede dieser Türen erzählt etwas über die Menschen, die sie gebaut haben: über ihren Glauben, ihre Angst, ihre Machtansprüche, ihren Witz. Eine fünf Zentimeter hohe Feentür in Michigan und ein 139 Meter hoher Hangartor in Florida liegen am selben Ende desselben Gedankens, dass ein Eingang immer auch eine Aussage ist.